Der verlorene Mut

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7. Januar 2017 von craftschoepferey kreativblog

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Als Kind füllten wir ohne nachzudenken unsere Zeichenblöcke mit bunten Bildern und Malereien. Aber je länger wir die Schule besuchen und je älter wir werden, desto größer wird der Respekt vor der sogenannten „Großen Kunst“, deren Professionalität und Geldwert unsere eigene Kreativität in Frage stellt.

Waren wir anfangs noch völlig frei in unserem Schaffen, werden wir als Erwachsenen vom inneren Zensor gequält: „Das wird eh furchtbar aussehen, also lass ich es besser sein …“.

Wird unsere Phantasie nicht ermutigt oder schlimmer noch, es wird uns von außen suggeriert, Kunst sei nur etwas für Schöngeister, die eh nichts Besseres zu tun (oder gelernt) haben, dann erlahmt irgendwann der Mut zur eigenen Kreativität.

Mit Talent hat das alles wenig zu tun

Oft müssen wir als Erwachsene den Mur zum künstlerischen Ausdruck erst wiederfinden. Natürlich findet sich immer wieder jemand im Freundeskreis, der „ziemlich gut zeichnen kann“, und das ist völlig ok. Auf der anderen Seite begegnen uns immer wieder Menschen, die keinerlei künstlerische Begabung besitzen. Auch das ist völlig in Ordnung. Der Rest jedoch besitzt genügend Fähigkeiten, um sich auf kreative Weise zu betätigen – aber sie trauen sich nicht (mehr).

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(Quelle: pixabay.de)

Ich durfte in meiner Jugend, dank fördernder Eltern und Großeltern, verschiedene Arten der Kunst ausprobieren: Aquarell, Öl-, und Temperamalerei, Acryl, Pastellkreide, Rötel und Kohle, Stoffmalerei und Tuschezeichnungen. In der Fachoberschule gesellten sich die klassischen Drucktechniken dazu: Radierung, Lithografie, Siebdruck, Buchdruck und Linolschnitt.
Spaß machten mir alle Techniken. Dass ich eine von ihnen später beruflich umsetzten würde, wusste ich allerdings nicht.

Kreativität im Berufsalltag?

Um es kurz zu machen: Nach meiner Ausbildung zur Siebdruckerin in einem Schilderwerk und die Jahre danach verlor ich meine Lust am künstlerischen Ausdruck, und zwar vollständig. In den Vordergrund rückten Dinge wie der Umzug in eine WG, Geldverdienen, Karriere, Spaß mit Freunden. Für künstlerische Tätigkeiten blieb kaum noch Zeit.

Leider ergeht es vielen Menschen so. Alltag und Beruf fordern viel Zeit und Kraft, unsere Phantasie erstreckt sich oftmals nur über die Auswahl der richtigen Zutaten für ein Kochrezept. Wenn überhaupt. Das klingt pessimistisch, und glücklicherweise gibt es genügend Ausnahmen. Denn mittlerweile spüren viele Menschen, dass Arbeit nicht alles ist im Leben.

Zurück zu den Anfängen

Voraussetzung für ein gutes Druckprodukt ist eine 100%-tige, fehlerfreie Wiedergabe und Vervielfältigung. Nun versuchen Sie einmal, mit diesem Wissen jahrelanger Gesetzmäßigkeiten in den künstlerischen Bereich zu wechseln. Zum Beispiel die „Fünf gerade sein“ zu lassen, den Fleck, die unregelmäßig gedruckte Fläche als originelles Stilmittel zu akzeptieren und nicht in Schweiß auszubrechen, wenn Teilnehmerinnen begeistert ihre Kunstwerke drucken, während man selber denkt: Das kann doch kein Mensch lesen … !

Es dauerte etwa ein Jahr, bis ich diesen berufsmäßigen Perfektionismus loswurde. Geblieben ist das Wissen, das ein sauberer Arbeitsplatz und gewissenhafte Planung in der Kunst durchaus ihre Berechtigung haben und viel Stress ersparen. Wiedergefunden habe ich meine Begeisterung für die alten Drucktechniken und den Spaß am Experimentieren.

In meinen Workshops steht an allererster Stelle das Verständnis für die Technik. Diese sollte beherrscht werden, ansonsten führt das Ergebnis zu Enttäuschungen. Aber was noch wichtiger ist: Die Technik sollte einen nicht beherrschen!

Inzwischen verstehe ich die anfänglichen Schwierigkeiten vieler Teilnehmerinnen, sich auf das leere Blatt Papier einzulassen. Zu stark sind die eigenen persönlichen Standards, die Furcht vor Fehlern und Kritik. Ich ermutige sie dazu, den inneren Perfektionisten wegzusperren und einfach anzufangen, sich schrittweise die gewählte Technik anzueignen, ohne gleich ein vollendetes Kunstwerk zu erschaffen.

Und davon mal abgesehen:
Kunst ist immer Betrachtungssache. Also los, fasse wieder Mut und sei kreativ!

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